Ich weiß nicht, ob man das alles überhaupt trennen kann, das Drücken, den Widerstand, den Knall. Dieses Gefühl, Luft in die Enge zu treiben, bis zum Zerbersten der Folie. Die  Natur will es anders herum, wenn hier wer wen drückt, dann die Luft uns, in unseren Leibern von innen heraus, in Windböen, ab vom Weg oder gegen die Wand.

 

Wer fühlen kann, der fühlt die Wollust, die kleinen Blasen einer Luftpolsterfolie zu zerquetschen. Der kennt das leise Knallen und Krachen, entweder Blase für Blase oder am Stück, ausgewrungen, bis alles wild durcheinander knackt und prasselt. Der Beginn ist gesittet, ein bedächtiges Knibbeln, ein Bläschen nach dem anderen. Dann werden es mehrere auf einmal und zum Schluss so viele wie möglich gleichzeitig. Ein Rausch, wie er einen auch bei Kartoffelchips überfällt, vom braven Start mit gutem Vorsatz bis zu dem Punkt, an dem man sie mit vollen Händen in den Mund stopft und am Ende, den Kopf im Nacken, die letzten Reste direkt von der Tüte in den Mund leert.

 

Ist das Knallen das Tollste?  Das kann nicht gänzlich verkehrt sein. Einem Zerdrücken ohne Knall fehlte etwas. Der Paukenschlag, das Ausrufezeichen, die Vollendung dessen, was getan werden muss. Aber auch ein Knallen ohne das Knibbeln wäre schal und fad. Leicht ersetztbar durch anderen Lärm. Das eine kann nicht ohne das andere. Fehlt eins, zerfällt die Synergie. „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ , Aristoteles muss die Knallfolie schon gekannt haben, mindestens hat er sie erahnt.

Und: wir  treiben ein Spiel mit einem Ding, das nicht zum Spielen vorgesehen war. Wir geben ihm eine neue Bestimmung und damit einen Zauber. Wie Kinder, die aus der Babybel-Schale Tiere kneten und mit dem Eierschneider Harfe spielen.

 

Die Folie kommt von allein in unser Haus, in Paketen, deren Inhalt schutzbedürftig ist.

Jede Wochen erhalte ich  Blumen aus Holland, mit dem Versprechen von Frische und Schönheit. Und dem Versprechen, dass sie in Knallfolie gewickelt sind. Pro Paket gibt es für eine Woche Blumen und für eine halbe Stunde Folie zum Drücken, länger reicht es nicht. Sie unterstellen mir, die Blumen wären nur ein Vorwand, um immer wieder an frische Folie zu gelangen und meine Knallsucht zu befriedigen. Das ist lachhaft.

 

Oder nicht? Vorige Woche im Baumarkt legte ich eine ganze Rolle Folie in meinen Wagen. Beiläufig, mit anderen Waren, nur für alle Fälle, damit ich immer was zur Hand habe.  Es war auch nur eine ganz kleine Rolle. Ich verstecke das Ding unter dem Sofa, die Leute würden das falsch verstehen sonst. Es ist nicht so, wie es aussieht.

 

Knallfolie braucht keine Worte, sie lässt vieles Irdische hinter sich. Es ist also auch nicht einfach, die Faszination des Knibbelns in Worte zu fassen. Ich drücke auch gerne Pickel aus, nicht auszudenken, wenn diese auch noch knallen würden. Es ähnelt dem Zustand, wenn wir  uns mit einer Luftmatratze abquälen, sie bis zum letzten Luftrest aufrollen und ausquetschen , eine halbe Ewigkeit die Luft von einem Ende zum anderen zwingen, immer kleiner wird die Wölbung , je weiter wir die Luft  in die aufgeblähte Enge treiben und wenn sich dann, final, dieses Glücksgefühl einstellt, wenn der letzte Rest Luft entweicht. Die Luma ist besiegt und  das luftleere Ding liegt schlaff vor uns. Unbeschreiblich.

 Ein Szenario, wie es sich auch mit der Knallfolie anfühlt. Aber einfacher, handlicher, schneller.

 

Viele wissen noch, wo sie am 5.Mai 2015 gerade waren, was sie getan haben, als die Hiobsbotschaft  kam, dass die vertraute Luftpolsterfolie in Zukunft durch einen effektiveren günstigeren, sich im Paket selbst aufblasenden Versandschutz ersetzt wird. IBubblewrap. Ein Leben ohne Plopp? Das geht schon, schön ist es nicht.

Wäre diese Neuerung eine wirklich durchdachter Fortschritt? Übersieht die Entwicklung, dass diese Folie inzwischen nicht  nur allein der schutzbedürftigen Frachtware dient? Sie hüllt sich um empfindliches, sie schützt, was der Zerstörung oder Unterkühlung zum Opfer fallen könnte. Hat sie sich nicht auch schon lange um unsere zerbrechliche Herzen gelegt? Schützt unsere Seelen vor der Kälte des Alltags? “Handle with care“ “Vorsicht Bruchgefahr.“ Im Materiellen und im Geist.

 

Lässt man nun die Menschen bald allein, denen es in den Fingern kribbelt? Dient die Luftpolsterfolie und das knibbeln nicht der seelischen Ausgeglichenheit? Zum kurzen Stressabbau zwischendurch? Ein Quickie aus Plastik? Wie viele Aggressionen verpufften so, wie viele Feinde hat man so zerquetscht? Wie viele Fettpölsterchen vergessen, weil man Luftpölsterchen drücken durfte. Es gibt keine Studien, wie viele Amokläufe die Luftpolsterfolie schon verhindert hat. Wir brauchen diese Studien aber auch nicht.

 

Die Geschichte müsste neu geschrieben werden. Kreuzzüge, Weltkriege und das Barnabas von Geczy Orcheser, es wäre uns erspart geblieben, hätten die amerikanischen Ingenieure Alfred Fielding und Marc Chevannes die Folie zur Hohlraumfüllung nicht erst 1957 erfunden! Sie war ein Produkt des Zufalls, wie so oft bei grandiosen Erfindungen. Enstanden, als die Herren eine abwaschbare, handlich zu tapezierende Tapete entwickeln wollten. In einer Garage. Natürlich. Wo sonst.

 

Blicken wir nach Amerika, erkennen wir, dass die Faszination am Knibbeln eine internationale ist. Im New Yorker Museum of Modern Art steht das Design-Exponat  “Humble Masterpiece“ und wenn sich der Januar dem Ende zuneigt, zelebriert man den „Ehrentag der Luftpolsterfolie“. Skulpturen, Fashionshows und Wettbewerbe ausschließlich von und mit der Noppenfolie. Hier bekommt sie den Platz der ihr gebührt. Göttergleich.

Der Rütlischwur der Polyethylenen.

 Er wird auch zu uns kommen dieser Tag, es ist eine Frage der Zeit. Wie immer. Wenn wir sie denn hätten.

 

Nun ist alles gesagt. Alles Wichtige geschrieben. Ich hoffe, wir haben dazugelernt. Wenn der Moment kommt und Knallfolie iBubbleWrap weichen muss: sagen Sie nicht einfach Ja und Amen, um dann später zu behaupten, Sie hätten ja nicht ahnen können, dass das solche Ausmaße annimmt. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt, und das hätten Sie alles nicht gewollt. Das Menetekel ist sichtbar an der Wand.

 

Ich krieche unter das Sofa, ganz hinten an der Wand liegt sie, wartet schon auf meine geschickten Finger, ergebend. Das schreiben über sie ohne sie zu berühren ist, wie in der flirrenden Sommerhitze mit  durstiger, kratzenden, trockener Kehle mit  CocaCola Reklame konfrontiert zu werden.

 

Genug geschrieben, jetzt muss ich mich ihr widmen.

Ich weiß nicht, ob man es trennen kann, den Knall und das drücken gegen die Luft, nur, dass ich in diesem Bruchteil einer Sekunde in einer anderen Welt bin, nicht für ewig,

aber doch ziemlich lange.

 

Ellen Kleiber